Die Ora – Licht, Zeit und Wind
Das Wesen des Lichts ist unergründlich. Seine ambivalente Dualität zwischen Welle und Teilchen ist faszinierend und zugleich verstörend, seine Geschwindigkeit hingegen eine Konstante im Universum und ein dienlicher Entfernungsmesser – Lichtjahre beleuchten Dimensionen jenseits unserer Vorstellungskraft. Meistens ausgehend von Sonnen (im Universum jedenfalls) und anderen Energiequellen, erhellt es die Umgebung, aber nur, wenn seine Strahlen auf ein Objekt fallen, vom Staubkorn bis zum Planeten.

Seit der Entdeckung von Heinrich Hertz 1889, »daß die elektrischen Wellen sich ganz nach Art der optischen Wellen fortpflanzen« und dieselbe Geschwindigkeit besitzen, es also eine reale wie symbolische Beziehung zwischen Licht und Elektrizität gibt, prägt uns alle das neue Universum des künstlichen Lichts. Seit einhundert Jahren setzen sich KünstlerInnen mit dem immateriellen Medium in Form von Glühlampen, Leuchtstoff- oder Neonröhren, glimmenden LEDs, Lasern oder gleißenden Scheinwerfern auseinander. Die Kunst wandte sich von der illusionären Repräsentation des natürlichen Lichts immer mehr dem realen Einsatz des künstlichen Lichts zu.

Bei den aktuellen Luminogrammen von Annika Hippler kommen Linienlaser zum Einsatz, deren gebündeltes Licht über bewegte Wasseroberflächen auf Schwarz-Weiß-Fotopapier projiziert wird. Ähnlich wie bei ihrer Lichtinstallation »Schwingungen« von 2012, bei der ein herabfallender Tropfen die horizontale Projektion animiert, entsteht eine Reflexion, die zwischen Lichtstrahl und Wasseroberfläche eine Beziehung aufscheinen lässt: jede Turbulenz überträgt sich auch auf die Spiegelung an der Wand.

Derartig kinetische Aspekte der »Lichtspiele« faszinierten schon die Avantgardefilmer und Pioniere der Lichtkunst wie Viking Eggeling, Hans Richter, Walter Ruttmann und Oskar Fischinger. Anfang der 1920er-Jahre entwickelten sie die Idee der filmischen Abstraktion fort, mit Animationsfilmen rhythmisierter Formen und Farben.

Annika Hippler setzt den Laser im rein analogen Verfahren ein. Nichts ist digital oder computergesteuert. Ganz bewusst verwendet sie modernste Lichtmodule des digitalen Zeitalters in der aus der Zeit gefallenen Dunkelkammer – mit Entwickler, Stoppbad, Fixativ. Die feinen Wellenbewegungen im Wasserbecken werden durch die Reflexion enorm vergrößert und füllen die zum Teil großformatigen Fotopapiere komplett aus. Dieses Phänomen machte sich auch schon László Moholy-Nagy zunutze, in dem sein relativ handlicher »Licht-Raum-Modulator« ganze Räume mit seinem Lichtspiel ausfüllen konnte.

Durch die Einwirkung von Be-Lichtung auf lichtempfindliche Materialien ist das Luminogramm mit dem Fotogramm verwandt, welches von Moholy-Nagy oder Man Ray ebenfalls in den 1920er-Jahren erfunden wurde. Das Luminogramm ist ein eigenständiges Original-Lichtbild, das durch Veränderung der Lichtintensität gestaltet werden kann. Das Bild wird durch Formvariationen und Intensitätsschwankungen der Lichtstrahlen erzeugt. Es ist die ursprünglichste Form der kameralosen Fotografie und kommt im Gegensatz zu den Fotogrammen ganz ohne Objekte aus. Wenngleich die Fotografie mehr als jedes andere Medium dem konkreten Gegenstand verbunden ist, handelt es sich bei Hipplers Arbeiten eindeutig um rein abstrakte Fotografien, entstanden aus im Grunde unsichtbaren Elementen wie dem Licht, dem Wind und dem Wasser.

Es war vor allem Lotte Jacobi seit den späten 1940er-Jahren, die den Eindruck von abstrakten Kompositionen vermittelte und eine Ästhetik erreichte, die als ungemein avantgardistisch gelten darf. Ihre »photogenics« sind heute dank der virtuellen Fotogramme von Thomas Ruff seit 2012 zu neuem Bewusstsein gelangt. Die Ästhetik des verzaubernden, magischen Augenblicks und seine Spuren im häufig diffusen Lichtschein erzeugen damals wie heute dreidimensional scheinende Momente sich überlagernder Wellenformationen. Bei Annika Hippler faszinieren die Dimensionen von Licht und Schatten in ungeahntem Detailreichtum. Hoch komplex vergrößern sich mikroskopische Bewegungsabläufe im Wasser und zeichnen sich als dynamische Licht-Gebilde von hoher Tiefenschärfe auf dem fotosensitiven Papier ab. Oder als Schleier wie von Zigarettenrauch, oder letztlich von sensiblen Gebilden einer uns unbekannt gebliebenen Wesensform des Daseins, inspiriert von der magischen Dualität des Lichts – Welle oder Teilchen?

Die Verwirbelungen oder Schleifen und Schlaufen des Lichts (und der Schatten) erinnern auch an eine Simulation aus dem Windkanal, an Tücher, Gewebe im Wind oder im Spiel mit menschlichen Körperformen, plastischen Objekten zwischen Torso und Design – Haute Couture. Unvermittelt wirken sie wie physikalische Untersuchungen zur Thermodynamik oder aus dem Bereich der Biologie, bei denen das Unsichtbare ins Erkennbare tritt. Das Analytische beweist und untergräbt die normative Kraft des Faktischen. Mal auf mattem Papier, mal auf Hochglanz, in unterschiedlichen Härtegraden. Annika Hipplers Arbeiten sind rhythmische, hypnotische Raum- und Bildkompositionen, eingebettet in eine sanfte Trance, deren räumliche Grenzen erst präzise definiert, dann chemisch völlig aufgelöst und für das menschliche Auge portioniert visuell unendlich erweitert werden.

Wie aber ist es um die Schönheit, die faszinierend irrationale Stofflichkeit der Lichtformen, um ihr grenzenlos erfahrbares Innenleben bestellt? Wie kann etwas so konkret wie abstrakt sein, wie uns narren als schwarz-weißes Luminogramm ohne jeden Bezug zur materiellen Begreif- und Darstellbarkeit von Dingen? Bei aller erkenntnistheoretischer Fiktion entbehren die so hervortretenden Bilder keiner Wissenschaftlichkeit, im Gegenteil. Ihr ästhetischer Impuls lässt hoffen, dem Digitalen der Gegenwart dank der Kenntnis der Geschichte eine neue Zukunft abzugewinnen. Diese soziale Komponente ist letztlich im besten Sinne Marshal McLuhans die Botschaft des Mediums. Licht eines Lasers wird zum sich selbst genügenden, autonomen Bild mit dem Anspruch auf eine wirkliche Wahrheit.

Bliebe nur noch anzumerken, dass die Titel der Arbeiten eine nicht unwesentliche Assoziation bereithalten. Es sind die Namen von Winden wie zum Beispiel Joran, Calima, Sno, Levante, Meltem oder Zephyr. Der Wind ist unsichtbar, wie das Licht werden wir beider nur gewahr, wenn sie sich an Objekte halten, mit ihnen spielen, sie in Erscheinung treten lassen, sie streicheln oder heftig bewegen oder gar umreißen. Annika Hippler ist der Wind, der das Licht tanzen und ein autonomes Lichtbild erscheinen lässt; in einer Wirklichkeit, deren Zeitgeist sich pseudo-real einem Neuen Realismus verschreiben möchte, in der die Welt eine kulturelle Konstruktion ist. Ein neues Sehen entsteht, analog der Idee einer »Photographie des Neuen Sehens« von Moholy-Nagy – es tritt zum Vorschein als abstrakt-konkreter, neuer Realismus.
Text: Gregor Jansen
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